| Psychomania Rumble No. 4 |
Potz Blitz – Psycho-Pfingsten in Potsdam
Pfingsten – laut der Bibel der Geburtstag der Kirche – entstand, als der Heilige Geist die Jünger und Jüngerinnen Jesu befähigte, in seinem Namen durch die Welt zu tingeln. Und auch heute tingeln die „Jünger“ und „Jüngerinnen“ zu Pfingsten durch die Welt – allerdings nicht, um das Wort Jesu zu verkünden, sondern um die Welt mit Musik zu überfluten. Die einen, die Rock’n’Roller, tingeln in Scharen gen Walldorf und die anderen, die Psychobillys, tingeln in Horden gen Potsdam.
Auch ich machte mich aus dem weit, weit entfernten Lippe auf den Weg. Nachdem ich im wohl teuersten Hotel von Postdam eingecheckt hatte – Hauptsache nach der Party nicht weit laufen – und den dortigen Supermarkt um ein paar Flaschen Desperados – wenn schon, dann würdevoll untergehen – erleichtert hatte, fand ich dann meinen Weg in die heiligen Hallen – leider viel später als gedacht, somit hatte ich leider nicht die Gelegenheit, Acting Apes und Knockouts zu sehen. Also schnell ab in die erste Reihe, um Tom Toxic und die Holstein Rockets zu bewundern. Und die Rockets gaben alles, auch ein Vorgeschmack auf das kommende Album wurde uns gegönnt. „Christine“ und „Grün und Blau“ kamen beim Publikum super an, die Scheibe, die im Herbst erscheinen wird, ist sicherlich wieder ein Knaller. Nicht nur wegen der vielen Gastmusiker, die sich auf dem neuen Silberling tummeln werden, sondern auch, weil die Rockets sich musikalisch deutlich verbessert haben. Für mich war dies ein ganz besonderer Auftritt – was nicht nur an der süßen Schlagzeugerin lag. Man merkte, wie sehr sich die Stimmung in der Halle hob, und bei „Jack und Jim“ sangen alle fröhlich mit.
Es folgten Thee Flanders, die quasi als „Heimvorteil“ einen bunten Mix aus allen Alben spielten. Als Norman dann eine Gummipuppe in die Massen warf, war das Gejohle groß – aber behalten wollte die keiner, komisch. Als Highlight kam dann noch Richy Gein, Frontmann der Bloodsucking Zombies, auf die Bühne und die zwei sangen ihre „Moonlight Sonata“ im Duett. Darauf folgten die Pharaos und ich war überrascht, wie viel Feuer in den „alten Knochen“ steckte. Die Band, die in den frühen 80ern ihren Höhepunkt hatte, zeigte, was Old School-Psychobilly wirklich bedeutet, und spielte alle ihre Hits von „Blue Egypt“ bis „You’re On Your Own“. Psychobilly der ersten Generation, ein Erlebnis.
Als dann die Coffin Nails mit Mundschutz und Einmal-Staubanzügen auf die Bühne kamen, war ich etwas enttäuscht, hatte ich nach dem letzten Auftritt von Humungus im Borat-Kostüm doch etwas mehr erwartet, was den visuellen Eindruck angeht. Aber die Spielfreude war wie immer ungebremst und die Sargnägel wissen, wie man ihr Publikum zum Schwitzen bringt. Als Highlight des ersten Abends sind dann Guana Batz auf die Bühne gekommen und zeigten den „Jünglingen“, was es heißt, Psychobilly zu spielen. Pip Hancox hat trotz seiner 44 Jahre mehr Dampf in der – bemalten – Brust als so mancher Newcomer jemals erreichen wird. Wie ein Wirbelwind sprang, tanzte und fegte Pip über die Bühne – so, wie wir ihn kennen und lieben. Die Batz hatten alle ihren Spaß, was man auch sehen konnte. Und bei „King Rat“ war wohl kein Fuß im Lindenpark unbewegt.
Nachdem ich mir den Sonntag irgendwie um die Ohren geschlagen hatte – Schloss Sanssouci kann nett sein, wenn man sein Navi nicht vergisst und stundenlang in den Gärten umherirrt –, bin ich dann frohen Mutes zurück zum Lindenpark marschiert, um mich wieder überraschen zu lassen. Als erstes spielten die Brown Vampire Cats und versuchten, den noch recht leeren Saal zu unterhalten. Das klappte recht gut, aber man spürte, dass die drei lieber vor größerem Publikum spielen. Nun ja, einer ist immer der … , der halt anfangen muss am zweiten Tag. Eine etwas undankbare Position.
Es folgten die Rampires, die als Vertreter der „New Generation Psychobilly“ zeigten, was in ihnen steckt. Claas (Vocals und Sax) und Marco (Bass) sind ja auch bei anderen Projekten dabei, unter anderem bei El Bosso und die Skadiolas, und dementsprechend vielseitig. Für mich ist diese Band eine der Überraschungen des Festivals: Sauber gespielter, schneller Psychobilly mit Ska- und Hardcore-Anleihen. Als nächstes betraten die Surf Rats die Bühne – wieder eine der Bands, die eher unter den alten Hasen anzusiedeln sind. Auch hier folgte ein klasse Gig. Zwar kamen mir die Rats etwas ruhiger vor als auf CD, doch das tat dem Spaß keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Sprüche von Gaz (Vocals und Guitar) sind und bleiben unvergesslich. Um den Humor zu verstehen, muss man allerdings der englischen Sprache mächtig sein… Großartig!
...den kompletten Artikel findest du im DYNAMITE! Magazine 5/10; ab dem 30.07. im Handel!
Text: Michael Niehage Bilder: Michael Niehage
|